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Der
Roto chileno
Oreste
Plath, anerkannter Experte für alles was Chile betrifft
beschreibt ihn etwa so:
„Roto“
ist für viele ein Synonym für – Prolet –
kaputt – geflickt. Der Ursprung ist aber ein ganz
anderer. Bereits einige Jahre nach der Conquista wurde der
Begriff „Rotos chilenos“ gebraucht, um die Spanier
zu beschreiben, die aus Chile kamen ohne reguläre
Uniformen und in Fetzen gewickelt – im spanischen Sinn
des Wortes „auf jede denkbare Art“.
Die
Reisen nach Chile waren in dieser Zeit durch die geographischen
Besonderheiten der Anden und der Wüsten und durch die
Begegnungen mit der kriegerischen indigenen Bevölkerung
eine große Herausforderung, so dass die „Rotos
chilenos“ sich nicht nur durch ihr Aussehen, sondern auch
durch Tatendrang und Mut auszeichneten.
Roto
hat auch eine Wurzel im Quechua und der Auraukanie, wo damit
die Praxis der Peruaner bezeichnet wurde, den Kindern die Haare
erstmals im Alter von 5 Jahren in einem Ritual zu schneiden,
unter den Araukanern beim Eintritt in die Adoleszenz.
Um
das Wesen des Roto zu verstehen muss man ihn im Zusammenhang
mit seiner Umgebung sehen. Für den einen die trockenen
Wüsten, Feldarbeit, der andere aus den Hochebenen, der
Küstenregion, den unendlichen Wäldern, steilen
Gebirgen oder dem kalten Süden.
Der
"Roto pampino" – Bewohner der Hölle, der
heißen Pampa, der nach monatelanger Arbeit voller
Anstrengung und Heldentum, aus den Minen herunterkommt, und so
richtig die Sau rauslässt, in einer Nacht problemlos den
Lohn einer Woche oder auch mehrerer Monate durchbringt und den
aufgestauten Durst stillt.
Der
"Roto marino", Erbauer der Leuchttürme die ein
Glitzern auf die Wellen zaubern, Licht auf die Felsen und
düstere Inseln werfen. Die Marinos wissen viel, sind klug
und listig und als Seefahrer berühmt.
Der
"Roto minero" – der Bergmann, der mit
primitivsten Mitteln das Erz aus den Stollen holt und es mit
seiner animalischen Kraft auf den Schultern herabträgt.
Der
"Roto carillano". Pionier der Eisenbahn, der die
Schneisen und Dämme für die Schienenwege schafft und
mit seiner Arbeit den Ruf erlangt der kräftigste zusein
und mit dem besten Durchhaltevermögen. Nicht weit
hergeholt deshalb als Synonym für den Seelenlosen, ein
wenig Dieb mit einem Anflug des vogelfreien Gesetzlosen, dessen
rohe Sprache die „Carillanas“ geschaffen hat, die
übelsten Schimpfworte des einsamen Mannes.
Und
nicht zuletzt der bekannte Roto milico: Der Roto wurde in der
Schlacht von Yungay, am 20 Januar 1839, zum „milico“,
zum Soldaten. Diese Schlacht wurde mit einem Heer von
heldenhaften Zivilisten, ohne Uniform, ohne militärische
Schulung geschlagen. Der Sieg von Yungay ist der des
„patipelao“ des barfüßigen Volkes. Neben
diesen Soldaten wurden die Köchinnen und Kellnerinnen der
Kantinen, im Kampf, Schulter an Schulter mit den Männern,
zu rotos milicos, ohne jedoch ihre Rolle als Frau aufzugeben.
Im
Andenken an diesen Sieg wurde der „Tag des Roto chileno“
geschaffen, zu Ehren der Kämpfer, die den kriegerischen
Konflikt mit der peruanisch-bolivianischen Konföderation
beendeten. (Virgino Arias setzte dem „Helden des Pazifik“
1882 ein preisgekröntes Denkmal, welches heute die Plaza
im nach der Schlacht benannten Stadtviertel Yungay in Santiago
schmückt.)
Der
Begriff des Roto ist also kein Schimpfwort, sondern im
Gegenteil eine Anerkennung für eine soziale Klasse, von
bescheidener Herkunft, ohne ausreichende Bildung und materielle
Güter, aber reich an Hingabe, Fleiß, Nächstenliebe
und voller Lebensfreude.
Gibt
es den Roto denn noch? Trotz der modernen Bedeutung im Sinne
von Prolet und Säufer, gibt es den Roto noch, mit seinem
Mut, seiner Identität und Würde. Er bereichert mit
seinem Wesen die ländlichen Gebiete, wo seine Arbeit
geschätzt wird, seine Identität geschützt ist
und wo die Ruhe und Anonymität es ihm erlauben, die Zeit
zu überdauern.
Soweit
Oreste Plath.
Die
Ausführung muß erweitert werden um den: “Roto
urbano“, der heute in den Städten zu finden ist und
der eben diese beschriebenen Charakterzüge in sich
vereint. Der Kampf des modernen „Patipelao“ ist der
gegen Arbeitslosigleit, Armut, Krankheit, immer noch ohne
ausreichende Bildung und ohne materielle Grundlage, in den
Schluchten der Hochhäuser, den Stollen der U-Bahn und den
Wüsten der armen Vorstädte. Die Lebensfreude und
alle anderen Eigenschaften hat er sich als Nachkomme des frühen
Roto bewahrt und stolz antwortet er:
„Roto?
Claro que soy roto – soy roto chileno y gueno!“
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